Es gibt nicht wenige Artikel und Bücher zum Thema „Lügen in der Versorgung Demenzerkrankter“, die die Lüge – manche nennen sie sogar „Therapeutische Lüge“ – grundsätzlich ablehnen. In der letzten Zeit allerdings ist es um dieses so praxisrelevante Thema ruhig geworden.

Dem zum Trotz wird im normalen Leben und auch in der Pflege weiterhin jeden Tag in manchen Situationen gelogen. Was haben wir also mit der vergangenen Diskussion erreicht? „Du sollst nicht lügen!“ wird wie eine Monstranz vor der heiligen Kuh „Personzentrierte Pflege“ hergetragen . Ist das richtig? Ist Lügen gleich Lügen und vor allem: Schliessen sich „Personzentrierte Pflege“ und der Gebrauch von Lügen grundsätzlich aus? Ist eine Aufweichung des Dogmas „Du sollst nicht lügen“ gleichzeitig Öffnung und Rechtfertigung für so viele unnötige aber schmerzvollen Lügen durch Pflegende?

Detlef Rüsing (2020)

Dass es in der Literatur zum „Lügen bei Demenz“ ruhig geworden ist, bedeutet leider nicht, dass es das Problem nicht mehr gibt. Jeden Tag stehen Pflegende vor der Herausforderung, scheinbar „unlösbare“ Probleme zu bewältigen. Müssen Pflegende „heimlich“ lügen, damit sie nicht in Verdacht geraten, nicht personzentriert zu pflegen?

Quellen und Infos

Benn, P. (2001): Medicine, lies and deceptions. Journal of Medical Ethics, 27, S. 130–134.

Blum, N. S. (1994): Deceptive practices in managing a family member with Alzheimer’s disease. Symbolic Interaction, 17(1), S. 21–36.

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), Ed. (2018): Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz”. Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Osnabrück.

Feil, N. (1999): Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen. München: Reinhardt.

Ekman, P. (1985): Telling lies: Clues to deceit in the marketplace, politics and marriage. New York: Norton. 

Elvish, R., James, I., Milne, D. (2010): Lying in dementia care: an example of a culture that deceives in people’s best interests. Aging Ment Health, 14(3), S. 255-262.

James, I. A., Wood-Mitchell, A.J., Waterworth, A. M., Mackenzie, L. E., Cunningham, J. (2006): Lying to people with dementia: Developing ethical guidelines for care settings. International Journal of Geriatric Psychiatry, 21, S, 800–801.

Kitwood, T. (2000): Demenz. Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Bern: Verlag Hans Huber.

Rogers, C. (1983): Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Stuttgart: Klett- Cotta.

Rüsing, D. (2009): Ist alles erlaubt? Zum Umgang mit Wahn und Halluzination bei Personen mit Demenz. pflegen: Demenz (11), S. 4-6

Rüsing, D. (2018): Der Personzentrierte Ansatz im Umgang mit Demenzerkrankten nach Tom Kitwood. Buchbeilage zu „pflegen: Demenz“ 47, Hannover: Friedrich Verlag.