„Rüsing kocht…“: Für ein „Bündnis für angewandte Pflegeforschung“!

Hallo zusammen,

ja, ja, ja … ich kann es fast nicht mehr hören! Die Wissenschaft sitzt im Elfenbeinturm und wir Praktiker in der Pflege können mit den Erkenntnissen der Wissenschaft nichts anfangen … – so, oder so ähnlich höre ich immer wieder Praktiker reden. Und ja! Oft haben sie damit Recht! Aber: sitzt die Praxis nicht auch in einem Turm und wendet sich gezielt von der Wissenschaft ab? Auch das erlebe ich immer wieder. Die oft den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (häufig zu Recht!) vorgeworfene Arroganz ist bei den Praktikern häufig ebenso zu spüren.

Ich meine:

Pflegepraxis braucht das Wissen der Wissenschaft und die Wissenschaft braucht das Wissen und die Fragen der Pflegepraxis. Es ist Zeit, dass sich beide Gruppen bewegen!

Es ist Zeit für ein „Bündnis für angewandte Pflegeforschung“!

Folgenden Artikel habe ich dazu in der letzten Ausgabe von „pflegen: Demenz“  („pflegen: Demenz“ 52/2019) geschrieben.

Viel Spass beim Lesen

Ihr  D. Rüsing


aus: „pflegen: Demenz“ 52/2019)

von Detlef Rüsing

Raus aus dem Elfenbeinturm

Zur Notwendigkeit der Gründung eines „Bündnis für angewandte Pflegeforschung“

Nicht nur die Forschung im Bereich der Pflege sitzt bisweilen in einem Elfenbeinturm und ist weit entfernt von der Praxis. Auch die Praxis selbst gefällt sich nicht selten gern in der Abgrenzung zur Wissenschaft. Beide Gruppen haben mit ihren Vorwürfen dem Anderen gegenüber oftmals Recht … – aber wem nutzt das? Wir brauchen einander und es wird Zeit für ein „Bündnis für angewandte Pflegeforschung (BfaPf)“ meint der Pflegewissenschaftler und Herausgeber von pflegen: Demenz Detlef Rüsing.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie gehen in ein Restaurant und zahlen direkt zu Beginn viel Geld dafür, dass die Köche Ihnen ein neues leckeres Gericht entwickeln. Von Ihrem Geld werden die notwendigen Lebensmittel gekauft und die Köche beginnen, zu arbeiten. Als diese das neue Gericht fertiggestellt haben, laden diese andere Köche in die Küche ein und präsentieren das neue Rezept. Sie verlassen hingegen – ohne zu kosten – das Restaurant und man teilt Ihnen mit, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt ein neues, teures Kochbuch kaufen können, in dem das neu entwickelte Rezept nachzulesen ist. Allerdings müssen sie schon selbst Koch sein, um es nachzukochen. Denn viele Schritte des Kochvorganges werden in dem Rezeptbuch nicht erklärt, da man voraussetzt, dass Sie vom Fach sind und keine Erklärung brauchen. Ungefähr so verhält es sich oftmals mit Forschung, die wir Bürger finanzieren.

Bis zum heutigen Tage sind aktuelle Forschungsergebnisse in der Versorgungsforschung im Bereich der Pflege (Demenzerkrankter) hauptsächlich in englischsprachigen Fachjournals nachzulesen. Diese allerdings werden von deutschen Pflegekräften unter anderem aufgrund des wissenschaftlichen Sprachniveaus, der häufig horrenden Preise derartiger Magazine und aufgrund fehlender Zeitressourcen selten gelesen. Denn: Welche Pflegekraft liest nach Feierabend um 21:30 Uhr einen englischsprachigen, wissenschaftlichen Artikel zum Rufen und Schreien bei Demenz aus dem „Gerontologist“ oder dem „American Journal of Alzheimer‘s Disease & Other Dementias“? Das sollten Sie aber eigentlich … – oder zumindest sollten Sie wissen, was dort zu lesen ist. Schließlich versichern wir in den Heim- und Versorgungsverträgen, dass wir nach dem „Stand der Künste“ pflegen. Und dazu gehört natürlich, dass wir auf dem aktuellen Stand der neuesten Erkenntnisse sind … – und diese stehen in den genannten englischsprachigen Journalen! Ach übrigens: Ein Abonnement einer einzigen wissenschaftlichen Zeitschrift, welche nach eigenem Bekunden zum Ziel hat, Mitarbeitende in der Pflege und Betreuung im Bereich der Gerontopsychia­trie mit aktuellen Studienergebnissen für die Praxis zu versorgen, kostet im Jahr als Privatperson zwischen 200 und 800 Euro. Und das ist nur eine Zeitschrift! Sie bräuchten davon nur allein im Feld der Versorgung Demenzerkrankter zwischen fünf bis zehn unterschied­liche Zeitschriften. Da fragt man sich doch, ob es überhaupt seitens der Autoren und Herausgeber dieser Zeitschriften beabsichtigt ist, dass professionell Pflegende und andere Praktiker die Ergebnisse von Forschungen, die ihr Arbeitsfeld betreffen, lesen und möglicherweise anwenden?! Denn für den Beruf und die Karriere der Autoren und Verleger wissenschaftlicher Zeitschriften, spielt es in der Tat keine Rolle, ob die Ergebnisse der Studien von Praktikern gelesen oder gar umgesetzt werden. Aber das hat in meinen Augen gar nichts mit einer vermeintlichen Boshaftigkeit derer zu tun. Weit gefehlt …

Transfer für Bürgerinnen und Bürger
ist nicht vorgesehen

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen in wissenschaftlichen Zeitschriften, die von anderen Experten gelesen werden, publizieren. Allein die Publikation in Zeitschriften, die in einem besonderen Maße als wissenschaftlich angesehen sind (da gibt es – nicht unumstrittene – wissenschaftliche Kriterien), bringen ihnen etwas für ihre berufliche Karriere. Da die weltweit anerkannte Wissenschaftssprache Englisch ist, damit weltweit Forschende die vorgestellten Studien lesen, kritisch beurteilen und darauf aufbauen können, werden die Durchführung und die Ergebnisse der Studien richtigerweise in englischsprachigen Fachmagazinen veröffentlicht. Die Anzahl und Qualität derartiger Publikationen hat für Wissenschaftler eine hohe Relevanz. Sie werden unter anderem zur Beurteilung einer Bewerbung auf eine Professur an einer Universität oder anderen Hochschule herangezogen. Wenn aber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hingegen ihre Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften wie „pflegen: Demenz“ oder anderen Praxiszeitschriften publizieren, die von den Personen gelesen werden, die für die Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis verantwortlich sind, nützt ihnen das hinsichtlich Ihrer Karriere als Wissenschaftler gar nichts!

Dass trotzdem Wissenschaftler in „pflegen: Demenz“ publizieren, hat damit zu tun, dass sie persönlich (oder deren sie beschäftigende Institute) davon überzeugt sind, dass es wichtig ist, dass die Ergebnisse in der Praxis ankommen. Eingefordert wird dies in der Regel nicht!

Wer die Musik bezahlt bestimmt

Die überwiegende Anzahl an Studien wird – in meinen Augen zu Recht – aus Steuergeldern bezahlt. Im Jahr 2015 gaben Bund und Länder, über alle Themenfelder verteilt, für Forschung und Entwicklung insgesamt 26,4 Mrd. Euro aus (BMBF 2019). Das bedeutet nichts anderes, als dass wir – also Sie, ich und alle anderen Bürger in Deutschland – im Jahr 2015 dieses Geld in Forschung und Entwicklung für unsere gemeinsame Zukunft investiert haben. Da haben wir uns doch ganz schön ins Zeug gelegt, nicht wahr! Und das ist in meinen Augen gut so, denn durch staatliche – also bürgerbasierte − Finanzierung sind die Wissenschaftler unabhängig. Sie können zum Wohle der Menschen, ohne Einmischung Anderer mit möglicherweise privatem oder gewerblichem Interesse, forschen. Aber wie kann es sein, dass wir Bürger als Auftraggeber nicht darauf bestehen, die Ergebnisse nach der Forschung in verständlicher Form in öffentlich zugäng­lichen Medien präsentiert zu bekommen?

Zusammenfassend ist Folgendes festzuhalten: Wir Bürger finanzieren mit unseren Steuergeldern Forschung, die wichtig für unsere Lebensqualität und unser zukünftiges Leben ist. Wenn wir aber wissen wollen, was bei den von uns bezahlten Forschungen herausgekommen ist, müssen wir zusätzlich viel Geld für Zeitschriften ausgeben, in denen die Ergebnisse stehen. Diese können wir aber oftmals leider, aufgrund der Fremdsprache und des wissenschaftlichen Sprachgebrauchs, nur ansatzweise oder möglicherweise gar nicht verstehen. Manche Forscherinnen und Forscher sowie manche Forschungsinstitutionen verpflichten sich freiwillig, die Bürger über die Ergebnisse ihrer Forschung auf dem Laufenden zu halten und diese so zu erklären, dass sie verständlich sind. Aber das ist nicht die Regel. Offenbar ist es also nicht so, dass diejenigen, die die Musik bestellen, bestimmen, was gespielt wird. Aber warum nicht?

Nicht nur Forscher sitzen im Elfenbeinturm

Seit es Wissenschaft gibt, hört man von Nicht-Wissenschaftlern die Klage vom „Forscher im Elfenbeinturm“; dem Forscher, dem es nur um seine eigene Forschung und sein wissenschaftliches Fortkommen geht und dessen Arbeit für viele unverständlich ist. Forschern wird häufig von Praktikern Arroganz unterstellt. Sie hätten kein Interesse, mit „normalen“ Menschen zu kommunizieren. Sie würden absichtlich in einer eigenen Wissenschaftssprache schreiben, damit sie sich von anderen abheben können. Ich selbst kann mich gut erinnern, als ich 1996 als examinierter Altenpfleger und Wohnbereichsleitung in einem Altenheim dieses verließ, um an der Universität Witten / Herdecke Pflegewissenschaft zu studieren. Die stärksten Widerstände gegen diesen Schritt von mir spürte ich von Kolleginnen und Kollegen. „Ich habe schon immer gewusst, der hält sich für etwas Besseres!“,war noch der harmloseste, hinter vorgehaltener Hand, gemurmelte Kommentar. Was ich damals festgestellt habe und bisweilen noch heute nach mittlerweile 20 Jahren wissenschaftlicher Arbeit an Universitäten, Fachhochschulen und in Vortrags- und Seminartätigkeit erlebe, ist Folgendes: Praktiker können sich ebenso arrogant und abwertend gegenüber Wissenschaftlern zeigen, wie sie es umgekehrt den Wissenschaftlern, manchmal zu Recht, zum Vorwurf machen! Nicht selten ignorieren sie wissenschaftliche Forschung auch dann, wenn ihnen die Ergebnisse erläutert und die Relevanz dieser für die Praxis deutlich gemacht wird; und das allein mit dem pauschalen Vorwurf, dass Forschende keine Ahnung von der Praxis haben. Manches Mal haben Praktiker damit auch sicher Recht und von Steuermitteln finanzierte Forschung ist bisweilen für die Praxis irrelevant und bildet die Probleme der realen Welt nicht ab! Aber ist das ein Argument gegen Forschung? Sicher nicht! Das ist nur ein Argument gegen schlechte Forschung! Wer sitzt nun aber im Elfenbeinturm und ignoriert die Anderen? Offensichtlich gibt es diesen Typus sowohl in den Reihen der Forschenden als auch in den Reihen der Praktiker.

Eine Initiative für unsere Zukunft

Wir können diese Verirrungen und teilweise absurden Verwicklungen und Abgrenzungen zwischen Forschung und Praxis beenden. Pflegende und Forschende sind gefordert, den Mund aufzumachen, Beteiligung einzufordern und bestehende Verhältnisse zu verändern.

Ich möchte ich einige Gedanken zum Verhältnis von Forschung und Praxis im Bereich der Pflege formulieren, von denen ich glaube, dass sich darauf eine Vielzahl von Pflegepraktikern und Forschenden einigen und deren Erreichung gemeinsames Ziel von Forschung und Praxis im Bereich der Pflege werden können. Diese Grundsätze sollten Teil eines, meiner Meinung nach, zu gründenden „Bündnis für angewandte Pflegeforschung (BfaPf)“ mit Vertreterinnen und Vertretern professioneller Praxis und Wissenschaft sein. Im Folgenden werde ich einige Grundsätze eines solchen Bündnisses skizzieren und zur Diskussion stellen (siehe unten). Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und speist sich aus eigenen Erfahrungen, eigenen Ideen sowie im Gespräch mit Anderen erfahrenen oder gemeinsam entwickelten Gedanken der vergangenen Jahre.


Grundsätze eines „Bündnis für angewandte Pflegeforschung“               (Rüsing 2019)

Pflege braucht Forschung, um wissensbasiert neue Ideen zu entwickeln. Es ist unbestritten, eine Praxisdisziplin wie die Pflege durch Forschung und den Blick über den Tellerrand in andere Disziplinen befruchtet wird und unter anderem durch Forschung neue Konzepte und Ideen für die Praxis entstehen können.

Pflege braucht Forschung, um über Jahre entwickeltes Praxiswissen zu überprüfen.Pflege braucht die Forschung, da allein der Grundsatz, dass etwas „immer so gewesen sei und funktioniert hat“ nicht reichen kann, um als Lehrmeinung in die Unterrichtsmaterialien einzufließen. Wir brauchen Forschung, damit aus Praxiswissen entweder gesichertes, nachvollziehbares Wissen oder andernfalls „vorübergehender Irrtum“ der Pflege werden kann.

Praktiker brauchen (Begleit-)Forschung, um neue, aus der Praxis generierte Ideen und Konzepte anzuwenden und zu bewerten. Neue Ideen für die Pflege entstehen häufig in und durch die Praxis. Ein unreflektiertes Ausprobieren neuer Ideen – ohne Begleitung und Überprüfung – in der praktischen Pflege darf nicht sein. Menschen sind keine „Versuchskaninchen“ für die Forschung … – aber eben auch nicht für die Pflege! Es braucht eine enge, niedrigschwellige Zusammenarbeit von Praxis und Wissenschaft. Ambulante, stationäre und teilstationäre Einrichtungen in der Pflege brauchen feste hochschulische Partner für die Entwicklung und Evaluation neuer Ideen in der Praxis.

Praktiker brauchen unterschiedliche, niedrigschwellige Zugänge zu praxisrelevanten Forschungsergebnissen. Praktiker brauchen niedrigschwelligen Zugang zu Forschungsergebnissen, die den „Stand der Künste“ ihrer Disziplin betreffen. Der bloße Zugang zu wissenschaftlichen Datenbanken allein genügt nicht, da die entsprechenden Publikationen für Nicht-Wissenschaftler schwer oder nicht verstehbar sind.

Ergebnistransfer muss Teil steuerfinanzierter Praxisforschung sein.Öffentlich finanzierte Praxisforschung, deren Ergebnisse nicht an die Praxis weitergegeben werden, ist keine Praxisforschung im Sinne des Bündnisses. Der Wissenstransfer (zielgruppenadäquate Ergebnisvermittlung) ist im Sinne des Bündnisses Teil steuerfinanzierter Forschung. Eine öffentlich finanzierte Forschung ohne kritischen, diskursiven Ergebnistransfer an die Praxis gilt als nicht beendeter Forschungsauftrag.

Die Beurteilung wissenschaftlichen Wirkens als Versorgungsforscher ist ohne die Beurteilung des Wissenstransfers unvollständig und mangelhaft. Die Güte wissenschaftlichen Wirkens in der Versorgungsforschung darf nicht nur an wissenschaftlichen Kriterien (z. B. Publikationen in Wissenschaftsjournals) überprüft werden. Leistungen des Wissenstransfers (als Forschender oder als aufraggebender Forscher) sind unverzichtbarer Teil wissenschaftlicher Reputation.

Ein zentrales, gemeinsames Register öffentlicher Versorgungsforschung von Bund und Ländern im Bereich der Pflege muss geschaffen werden. Viel zu oft finanzieren unterschiedliche Bundesländer oder der Bund Forschungsarbeiten, ohne zu wissen, dass ein anderes Bundesland bereits eine ähnliche Forschung finanziert hat. Ein Grund dafür liegt meiner Meinung nach darin, dass kein zentrales öffentliches Register für Versorgungsforschung im Bereich der Pflege von Menschen existiert. Würde ein solches Register öffentlich einsehbar sein, wären Dopplungen in der Finanzierung von Forschungsaufträgen vermeidbar.

Kommissionen zur Begutachtung von Forschungsvorhaben im Rahmen öffentlicher Förderung im Bereich der gesundheitlichen Versorgung von Menschen müssen immer mit Wissenschaftlerinnen und reflektierten Praktikern besetzt sein. Begutachtungskommissionen müssen neben Wissenschaftlern auch mit Praktikern und – nach Möglichkeit –Betroffenen aus dem Versorgungsfeld besetzt sein, für das Ergebnisse erzielt werden sollen. Auf diese Weise soll bei der Auswahl von Forschungsvorhaben Sorge dafür getragen werden, dass Forschung – wie propagiert – praxisrelevant ist.

Eine gemeinsame Sprache von Wissenschaft und Praxis ist nach Möglichkeit anzustreben.Ich bin noch immer der Überzeugung, dass nichts Wichtiges für uns so schwierig ist, als dass wir es nicht in einer Sprache ausdrücken können, die sowohl für Praktiker als auch für Wissenschaftler lesbar und von Nutzen ist.


So: Dies ist mein erster Aufschlag. Was meinen Sie? Sind wir bereit für ein solches Bündnis?

Ihr.

D. Rüsing

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