Ich versteh da was nicht …

Glaubt man wirklich, dass Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz etwas ist, das nur gemacht werden sollte, wenn nichts anderes zu tun ist …???

Ich habe die Nase wirklich voll. Offenbar gibt es immer noch viele, die meinen, dass Beziehungsgestaltung ein zeitlich begrenztes Event wie „Kegeln“ oder „Töpfern“ ist … etwas, das wir Pflegenden machen, wenn wir mal überhaupt nichts anderes zu tun haben … ich koche !

In der letzten Ausgabe meiner Zeitschrift „pflegen: Demenz“ habe ich dazu einen kurzen Artikel geschrieben, den ich hier teilen möchte. Es ist schon verrückt, dass wir Pflegenden unsere Arbeit noch immer erklären müssen ….

„Nur das Nötigste!“


Kontakt und Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

(aus: Fachzeitschrift „pflegen: Demenz 49/2019“

Ist Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit einer Demenzerkrankung notwendige, qualitativ hochwertige Facharbeit oder zusätzliche „Kür“ für den Fall, dass Pflegende zwischendurch einmal Zeit haben? DETLEF RÜSINGHerausgeber
von „pflegen: Demenz“
sieht das ganz pragmatisch: Er fordert nur das Nötigste!

Einen Artikel über das Thema „Beziehungsgestaltung“ in Bezug auf die Pflegen von Menschen mit Demenz zu schreiben, klingt logisch, gescheit und absolut notwendig. Befragt man Pflegende in den unterschiedlichen Versorgungs- settings (Akutpflege, [teil]stationäre und ambulante Versorgung) was sie in der Pflege von Menschen mit einer Demenzerkrankung als besonders herausfordernd empfinden, werden viele unterschiedliche Themen genannt und hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit gewichtet (Rüsing et al 2008). (s. Kasten 1) Auffällig ist, dass viele der genannten Themen im weiteren Sinne mit dem Kontakt und der Beziehungsgestaltung von Pflegenden und Demenzerkrankten zu tun haben. Kontakt und Beziehungsgestaltung befinden sich also nicht nur in der Herausforderung „Kommunikation“; vorhandener oder mangelnder Kontakt sowie das Vorhandensein oder die Abwesenheit von Beziehungen können sowohl herausfordernder Verhaltenswei- sen erklären als auch zu deren Bearbeitung von Pflegenden bewusst eingesetzt werden. Diese Zusammenhänge wurden sowohl in den 2006 erschienenen „Rahmenbedingungen zum Umgang mit herausforderndem Verhalten […]“ (Bartholomeyczik et al 2007) als auch im aktuellen Expertenstandard des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (2018) hinreichend dargestellt.

Kasten 1: Welche Herausforderungen nennen Pflegekräfte) (Rüsing et al 2008)

  • Abwehrverhalten
  • Aggressivität
  • An/Auskleiden
  •  Beschäftigung
  • Biografieerfassung
  • Ernährung
  • Gruppenverhalten
  • Kommunikation
  • Körperpflege
  • Medikamentengabe
  • Mobilisation
  • Organisation
  • Orientierung
  • rechtliche Situation
  • Rückzug
  • Schmerzen
  • Schreien
  • Sexualität
  • Sicherheit
  • Unruhe
  • Verstehen der Situation
  • Wandering / Umhergehen

Das Thema Beziehungsgestaltung schwingt bei allen ge- nannten Herausforderungen mit und kann als Querschnittthema begriffen werden. Die besondere praktische Relevanz des Themas Kommunikation / Kontaktgestaltung wird dadurch deutlich, dass bei der – im Rahmen der Studie durch Pflegende der unterschiedlichen Settings vorzunehmende – Gewichtung der Herausforderungen das Thema „Kommunikation“ in allen Versorgungssettings unter den Top drei der Herausforderungen stand.

Kontaktgestaltung kann eine Herauforderung sein

Hauptsache Kontakt?

Wenn man sich mediale Berichte und Kommentare vor Augen führt, fällt auf, dass dort nicht über die besondere Herausfor- derung des Umgangs, also über das „Wie“ einer qualitativ hochwertigen Kommunikation und Beziehungsgestaltung ge- sprochen wird. Stattdessen wird diskutiert, wie viel Kontakt unter den gegebenen finanziellen und personellen Rahmenbe- dingungen überhaupt sein könne oder gar müsse, ob Kontakt überhaupt von Pflegekassen zu zahlen sei oder nicht vielmehr in „guten“ Einrichtungen hervorragend von Ehrenamtlichen und „Hilfskräften“ durchgeführt werden könne – dies, da kein passendes ausgebildetes Pflegepersonal gefunden werden könne und sowieso zu teuer wäre.

„Kontakt ist nicht gleich Kontakt“

Ich höre allerdings–außer in der Fachwelt und der Praxis – niemanden darüber sprechen, dass erwiesenermaßen Kontakt nicht gleich Kontakt ist und dass es einer Fachkraft bedarf, einen würdigen und qualitativ hochwertigen Kontakt zu einer demenzerkrankten Person in einer schwierigen Situation her- zustellen. Und ich höre niemanden in der öffentlichen Debatte über verschiedene Techniken des Umgangs mit Demenzer- krankten reden. Stattdessen geben wir uns damit zufrieden, dass jemand da sein müsse, der sich in irgendeiner Weise um die Betroffenen kümmert. Während Fachpflegekräfte für die ärztlich verordneten Therapien zuständig seien und sich nicht mit dem aufhalten sollten, was doch ebenso Familienange- hörige, Freunde, Ehrenamtliche und Hilfskräfte tun könnten. Alles andere wäre schließlich nicht bezahlbar … – und darum wird auch nicht weiter darüber diskutiert! Es macht nicht sel- ten den Anschein, dass es Konsens ist, dass die medizinisch verordnete pflegerische Versorgung und die Unterstützung bei der Körperpflege unbedingt gewährleistet sein müssen, wohingegen hochwertige Kontakt- und Beziehungsgestaltung die „Kür“ sind, welche man „aufführt“, wenn man mal Zeit hat. Dagegen höre ich kaum Widerspruch! Noch nicht einmal aus der Berufsgruppe der Pflegenden …

Eine absurde Diskussion

Ist diese Argumentation fachlich richtig? Nehmen wir zum Vergleich die psychiatrische Versorgung von Menschen in den Blick: Niemand zweifelt daran, dass Menschen mit psych- iatrischen Erkrankungen Gesprächstherapien und alltagsun- terstützende Maßnahmen benötigen … – und dieser bedürfen sie durch Fachkräfte wie Psychologen, Fachpflegende, Ergo- therapeuten oder andere. Derartige „Beziehungstätigkeiten“ werden seitens der Ärzte verordnet und von den Kassen ge- zahlt. Warum, fragen Sie sich, zahlen das die Kassen? Die Ant- wort ist ganz einfach: Es wird bezahlt, da die positive Wirkung durch Studien unterschiedlichster Disziplinen belegt ist. Es ist wie bei einem Medikament: Wenn belegt wird, dass ein Pharmazeutikum oder eine Operation lebenserhaltend oder lebensverlängernd ist, wird dies in der Regel nach Prüfung bezahlt. In folgendem „halbfiktiven“ Fallbeispiel möchte ich der geneigten Leserin und dem geneigten Leser die Absur- dität und Scheinheiligkeit unserer öffentlichen Diskussion verdeutlichen (s. Praxisbeispiel, S. 6).

Fallbeispiel: Auf der Suche nach einem wirksamen Medikament

Stellen Sie sich vor, 
… Forscherinnen und Forscher hätten die ursächlichen Zusammenhänge der Entstehung der Alzheimererkrankung entschlüsselt. Zunächst einmal würden sie – zu Recht – den Nobelpreis erhalten. Im besten Falle würde auf der Basis dieser Erkenntnisse ein Medikament entwickelt, mit dem man den Ausbruch der Erkrankung ver- hindern könnte. Das Medikament würde im Rahmen der Zulassungsprüfung in Studien erprobt und nach Jahren und dem Nachweis der Wirksamkeit für die Öffentlichkeit – unter bestimmten Voraussetzungen – zugelassen. Bei nach- gewiesener Wirksamkeit würde es Einzug in die bindenden Leitlinien der Diagnostik und Behandlung halten. Dieses Me- dikament wäre – aufgrund der langen Entwicklungsphase – vermutlich extrem teuer, so dass das Pharmazeutikum nur einer kleinen, wohlhabenden Gruppe von Bürgern zugänglich gemacht würde. Ich bin sicher, wir würden allesamt auf die Straßen gehen und gemeinsam dafür sorgen, dass das Me- dikament jedem, der es braucht, zur Verfügung steht.
Und nun nehmen Sie folgende Situation an:
Die Forscherinnen und Forscher hätten die Zusammen-
hänge zwischen einem zumindest teilweisen Erhalt und Un-terstützung von Wohlbefinden und / oder Lebensqualität trotz einer Demenzerkrankung entschlüsselt. Dafür würden sie natürlich ebenfalls den Nobelpreis erhalten. Basierend auf den Forschungen würde alles darangesetzt, ein Medikament zu entwickeln, dieses auf seine Wirksamkeit zu testen und bei nachgewiesener Wirksamkeit – also einer Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus – den Betroffenen zur Verfügung zu stellen. Für den Fall, dass dieses Medikament tatsächlich das versprochene Therapeutikum bei der Bekämpfung der Auswir-kungen dieser sich dramatisch auf das Befinden auswirkendenErkrankung ist, würden wir Bürger zu Recht einfordern, dass es jedem, der es benötigt, zur Verfügung steht. Wir würden also bei beiden Medikamenten dafür sorgen, dass es – unabhängig vom Einkommen – allen Menschen zu Gute kommt.
Doch weit gefehlt:
Während in der Tat das Pharmazeutikum, welches ursächlich zur Behandlung / Vermeidung der Alzheimer-Demenz wirkt, noch nicht erfunden wurde, haben wir das zweite Medikament, welches zumindest zeitweise Wohlbefinden und Lebensqualität trotz Demenzerkrankung ermöglicht, bereits seit langer Zeit erfunden.

Seine Wirksamkeit ist in unzähligen Studien aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen belegt und es ist so-gar in den Leitlinien für die Profis verankert. Das Medikamentheißt: „Nährender, fachlich qualitativ hochwertiger Kontakt und Beziehungsgestaltung“!
Trotzdem ist es in der Betreuung und Behandlung Demenzerkrankter nicht möglich, dieses ärztlicherseits zu verschreiben. Außerdem hat man vergessen, den Forscherinnen und Forschern dafür den Nobelpreis zu verleihen. Aber was viel schlimmer ist: Dass fast alle Bürger dieses Landes um die- ses Medikament (welches im Übrigen bei falschem Gebrauch auch erhebliche negative Nebenwirkungen hat) und die Notwendigkeit sowie die Wirksamkeit dieses „Pflegezeutikums“wissen – aber wir als Bürger nicht auf die Straße gehen, damit es in den verschreibungspflichtigen Katalog der Pflegekassen aufgenommen wird.

Nur das Nötigste …

Wie absurd ist es, dass wir – zu Recht – Milliarden für ver- schreibungspflichtige Medikamente ausgeben, aber das wirk- samste Medikament bei Demenzerkrankungen – die fachlich versierte Beziehungsgestaltung – nicht in den Katalog der zu verschreibenden Therapien aufnehmen. Natürlich ist bei Demenzerkrankungen eine Verschreibung von Ergotherapie seitens der Ärzte möglich. Und das ist gut so! Jedoch ist die Therapie, von der ich an dieser Stelle spreche, die therapeu- tische Beziehung: Deren Ziele das Da-Sein, das gemeinsame Aushalten und die Herstellung von Sicherheit, Vertrauen und Bekämpfung von Angst- und Fremdheitsgefühlen ist. Diese Therapie kann nicht verschrieben werden und ist somit nicht über unser Gesundheitssystem finanzierbar!

Auf die Gefahr hin, dass Sie mir sagen wollen, dass ich nun spinne und was denn sonst noch alles bezahlt werden soll, entgegne ich: Nur das Nötigste … – und das ist Bezie- hungsarbeit!

Literatur

Bartholomeyczik, S.; Halek, M.; Sowinski, C.; Besselmann, K.; Dürrmann, P.; Haupt, M.,(…) Zegelin, A. (2007). Rahmenempfehlungen zum Umgang mit he- rausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz in der stationären Alten- hilfe (Forschungsbericht 007 ed.). Berlin: Bundesministerium für Gesundheit.

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrsg.) (2018): Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mitDemenz” Schriftenreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklungin der Pflege. Osnabrück.

Klug, M.; Büscher, A. (2018): Der neue Expertenstandard: Interview mit Prof. Dr. Andreas Büscher. Podcast – abg. am 15.11.2018: https://www.youtube.com/watch?v=QJWZwDT4nV0&feature=youtu.be. Witten: Dialog- und Transferzentrum Demenz (DZD)


Rüsing, D.; Herder, K.; Müller-Hergl, C.; Riesner, C. (2008). Der Umgang mit Menschen mit Demenz in der (teil)stationären, ambulanten und Akutversorgung. Problematische Situationen, Wissensbedarfe und Selbsteinschätzungen. Eine deskriptive Studie. Pflege und Gesellschaft, 13(4), 306–321.